„Regrow your Veggies“: Gemüsereste endlos nachwachsen lassen

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Regrowing

„Gemüsereste endlos nachwachsen lassen“ – der Untertitel des Handbuchs von Melissa Raupach und Felix Lill, erschienen 2018 im Ulmer Verlag, klingt verheißungsvoll, ein bisschen nach Schlaraffenland und, naja, auch ein bisschen verrückt. Wie soll das denn bitte funktionieren? Stecke ich etwa einen abgebissenen Gurkenrest in die Erde, eine Scheibe Tomate oder einen verschrumpelten Pilz und es wächst Neues draus? Während ich mir diese Fragen stelle, erinnere ich mich an eine Kindergeschichte: Darin pflanzte ein kleiner Junge seinen Opa im Garten ein, woraufhin unzählige neue Opas herauswuchsen. Mal echt jetzt, Leute, sowas gibt’s doch nicht!

Gegen Verschwendung, für bewussten Konsum

Mit einer ordentlichen Portion Skepsis gehe ich an das kompakte 126-Seiten-Werk und lese zunächst, was die beiden jungen Autoren dazu bewegt hat, das „Regrowen“ auszuprobieren und wieso sie andere dafür begeistern möchten. Ich lese von Lebensmittelverschwendung, Abfallvermeidung und der Rückbesinnung aufs Einfache. Das klingt immerhin schon mal vernünftig. 

Küchenzaubereien mit Salat, Mango und Koriander

Dann wird’s konkret. Aha, das Nachwachsen lassen klappt also nicht bei jeder x-beliebigen Obst- und Gemüsesorte, sondern es kommt auf die Art der Vermehrung an. Vegetativ sollte die sein, das heißt: ungeschlechtlich oder eben nicht mittels Samen. Zwiebeln, Kartoffeln und Lauch etwa pflanzen sich auf diese Weise fort, dazu Kräuter wie Basilikum, Koriander und Pfefferminz – und sogar die Ananas. Auch Mangos oder Avocados mit ihren großen Kernen lassen sich regrowen, nur läuft da der Prozess generativ, also geschlechtlich ab. 

Ich horche auf: Ananas? Mango? Besonders nachhaltig ist der Kauf von Tropenfrüchten ja nicht. Dann aber denke ich: Wenn man das Obst sozusagen mehrfach verwenden kann, bessert das die Ökobilanz ein ganzes Stück auf. 

Vom Lauchrest zum langen Lulatsch

Jetzt will ich aber loslegen und blättere zum Praxisteil. Der ist ansprechend mit vielen Fotos und Zeichnungen illustriert und, so wie das ganze Buch auch, frisch und sympathisch geschrieben. Auf je zwei Doppelseiten pro Gewächs erfahre ich Schritt für Schritt, was zu tun ist; wie viel Licht, Wärme und Feuchtigkeit die jeweilige Pflanze braucht. Ganz wichtig: der Schwierigkeitsgrad. „Sehr einfach“ heißt es da bei der Frühlingszwiebel. Das ist mein Ding. Ich schneide das Grün bis auf ein paar Finger breit ab und stelle die Wurzel ins Wasser. Mit dem Lauch mache ich dasselbe. Mir scheint, als würden die Stängel – hokuspokus! – sofort loswachsen. Und tatsächlich schießen sie förmlich nach oben, sodass ich sie nach einigen Tagen in erdgefüllte Töpfe pflanze. Seither beobachte ich staunend das Wunder des Wachsens. 

Mal klappt’s, mal nicht

Beim Romanasalat klappt es dagegen erst beim zweiten Anlauf. Hier kommt das untere Drittel ins Wasser, damit sich dort Wurzeln bilden. Beim ersten Mal geschieht gar nichts. Beim zweiten Mal auch nichts, zunächst. Dann, nach fast zwei Wochen, hebt sich aus der Mitte plötzlich grünes Gekräusel. Bald schaut ein Blatt raus, dann noch eins und noch eins. Wie macht der Salat das? Er hat ja unten immer noch keine einzige Wurzel dran! Ich wundere mich, setze den grünenden Strunk in die Erde und glaube langsam, hier ist Magie im Spiel… 

So wird die Ananas zur Deko-Idee

Minze, Koriander, Basilikum sind nach diesen Erfahrungen schon fast ein Kinderspiel. Langsam platzt meine Fensterbank aus allen Nähten, doch mein Ehrgeiz ist geweckt. Jetzt will ich’s wissen, nehme mir Ananas und Avocado vor – und versage auf ganzer Linie. Da kommt nichts, weder oben noch unten. Ich schätze, das liegt an den Raumtemperaturen hier, die mit Urwaldklima rein gar nichts zu tun haben. Trotzdem sieht die Ananas-Blätterfrisur hübsch aus in ihrem Töpfchen. Ich lasse sie stehen, als witzige Pflanzen-Deko mit einem  gewissen Retro-Chic. 

Einen Erfolg habe dann doch noch zum Schluss: Der Mango-Kern in seiner feuchtwarmen Plastiktütenpackung ist schließlich aufgeplatzt und ich blicke auf geballtes grünes Leben. Na, dann bin ich mal gespannt, welche Wunder die Natur noch für mich bereithält.

Nach rund zwei Monaten Regrow-Erfahrung komme ich zu dem Schluss: Um Küchenreste erfolgreich nachzuziehen, braucht es eine ganze Menge Zeit, Erfahrung und Platz. Ohne eine genügend große Fensterbank geht es nicht. Und selbst, wer die hat, wird auch weiterhin Grünzeugs aus dem Laden dazukaufen müssen. Doch vielleicht kommt es gar nicht primär auf den Ertrag an und Regrowen ist vielmehr Ausdruck eines Lebensgefühls, von Achtsamkeit, bewusstem Leben und Respekt unserer Natur gegenüber. 

RegrowPersönlich fand ich das Regrowen vor allem deshalb spannend, weil ich jetzt besser verstehe, wie unsere Früchte und Gemüse „ticken“. Dass selbst dann, wenn Kartoffel & Co. zu Hause im Kühlschrank auf die Verarbeitung warten, noch eine unbändige Lebenskraft in ihnen steckt. Nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder ist es eine tolle Erfahrung, dem häuslichen Biomüll ein zweites Leben zu schenken. 

Und dass ein nachhaltiger Lifestyle durchaus trendig aussehen kann, zeigen einige Beispiele aus dem Buch: Konservendosen als Pflanzgefäße oder ein Mangobaum im Zimmereck peppen die eigenen vier Wände auf, während eine selbstgezogene Avocadopflanze wirklich mal eine außergewöhnliche Geschenkidee ist. 

Regrow your veggies. Gemüsereste endlos nachwachsen lassen. Melissa Raupach, Felix Lill. 2018. 128 S., 113 Farbfotos, 25 farbige Zeichnungen, kart. ISBN 978-3-8186-0534-6. € 14,95 findest du im Buchhandel oder bei Amazon.

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