Brennnessel – echt reizend

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Begegnungen mit ihr sind oft schmerzhaft. Dabei kann die Brennnessel viel mehr als nur juckende Quaddeln auf der Haut hinterlassen. Im Gegenteil, diese Pflanze ist ein wahrer Alleskönner! Wusstest du etwa, dass sie jahrhundertelang als Faserpflanze kultiviert wurde, dass Schiffstaue und Stoffe aus ihr gefertigt wurden? Dass schon der römische Dichter Ovid in seinem Werk „Liebeskunst“ die erotisierende Kraft der Samen beschwor? Dass das „Nesselpeitschen“ bei Rheuma hilft und Brennnessel-Bratlinge wunderbar schmecken? Weil die Brennnessel gerade im therapeutischen Bereich so vielseitig verwendbar ist, wurde sie als „Heilpflanze des Jahres 2022“ ausgezeichnet. Es ist also höchste Zeit, mit der Mär von der Brennnessel als Unkraut aufzuräumen und diese wunderbare Pflanze zu rehabilitieren.

Große und Kleine Brennnessel: zwei feurige Schwestern

Es gibt ein paar Dutzend Brennnessel-Arten weltweit, vier davon kommen hier bei uns vor. Am häufigsten triffst du die Große Brennnessel an. Du erkennst sie, na klar, an ihrer Wuchshöhe, die 1,50 Meter und mehr erreichen kann. Die Kleine Brennnessel bleibt mit maximal 60 Zentimetern niedriger, dafür brennt sie noch stärker! Von der großen Schwester unterscheidet sie sich durch das Fehlen unterirdischer Wurzelausläufer: Du kannst sie ganz leicht aus der Erde heben. Kleine wie Große Brennnessel verfügen über die gleichen Inhaltsstoffe und lassen sich auf gleiche Weise verwenden. Weiterhin kommen die Röhricht-Brennnessel (rund um Berlin) und Pillen-Brennnessel (punktuell im Erzgebirge) regional sehr begrenzt bei uns vor.

Wirkungsstark: Kraut, Wurzel und Samen

Brennnesseln sind ungiftig. Alle Pflanzenteile sind essbar – und gesund. Die Blätter enthalten wertvolle sekundäre Pflanzenstoffe, die Flavonoide, sowie Magnesium, Eisen, Kalium und Kieselsäure. Sie sind reich an Vitaminen (A, B, C, E und K) und haben einen außergewöhnlich hohen Eiweißanteil. In der Brennnesselwurzel stecken besondere Stoffe, die Männerleiden lindern und etwa bei gutartiger Prostatavergrößerung mit Störungen der Blasenentleerung eingesetzt werden.

Allerdings haben’s auch die Samen, die „Nüsslein“ genannt werden, in sich: Sie sind ein echter Eiweiß-Booster, und wer sich die Mühe macht, die vielen kleinen Früchte zu ernten, die sich im Sommer an den Pflanzenspitzen bilden, kann sich sein eigenes Proteinpulver für den Muskelaufbau herstellen.

Wann ernten – und vor allem wie?

Erntezeit für die Blätter ist Mai bis Oktober, wobei die frisch ausgetriebenen Blättchen im Frühling am leckersten sind. Für die Verwendung in der Küche nimm generell die oberen, jungen Blätter vor der Blüte: Die brennen weniger stark und schmecken besser.

Die Samen kannst du ab Juni (wenn sie noch unreif sind) bis in den Herbst hinein ernten. Getrocknet oder knackig geröstet kannst du sie als Salat-Topping oder zum Würzen verwenden – oder gemahlen als Proteinpulver einnehmen.

Doch nun zur entscheidenden Frage: Wie ernte, verarbeite und esse ich die Brennnessel, ohne dass es sticht und kribbelt? Nimm zum Ernten Gartenhandschuhe und Schere mit. Mit Erfahrung und dem richtigen Kniff schaffst du es sogar ohne Handschuhe: Streife die Hände beim Zupfen leicht in Richtung der Blattspitzen, um die Brennhaare nicht zu brechen.

Wenn du Brennnesseln in der Küche verwendest, brauchst du keine Sorge zu haben, den Gaumen zu verbrennen: Durch Kochen, Pürieren oder Trocknen wird die feurige Pflanze ganz zahm. Verwendest du die Blätter frisch, walze sie vorab mit dem Nudelholz platt.

Was tun, wenn’s brennt?

Hast du doch mal versehentlich mitten ins Brennnesselkraut gegriffen, hilft Seifenwasser, das Brennen auf der Haut schneller zu beenden. Wenn du draußen unterwegs bist, kannst du den kühlenden Saft aus den Blättern des Spitzwegerich auf die schmerzenden Stellen auftragen. Übrigens: Im Laufe der Zeit härtet der Körper gegen das Nesselgift ab. Du musst Dich also nur oft genug brennen!

Entgiften mit Brennnesseltee

Entwässernde Brennnesseltees gehören inzwischen fest zum Sortiment eines gut sortierten Einzelhändlers. Für die harntreibende Wirkung verantwortlich sind die in der Pflanze enthaltenen Flavonoide. Sie sorgen dafür, dass überschüssiges Wasser aus dem Gewebe ausgeschwemmt wird – und mit ihm eingelagerte Giftstoffe. Weil dabei auch Blase und Harnwege gut durchgespült werden, ist Brennnesseltee – sei er gekauft oder aus ein paar Esslöffeln frischen oder getrockneten Blättchen selbst zubereitet – ein tolles Hausmittel gegen Blasenentzündung.

Tipp: Weil Brennnesseltee obendrein die Fettverdauung unterstützt, ist er ein idealer Begleiter bei der Frühjahrsdiät.

Kneipp hat’s empfohlen: Nesselpeitschen

Und ja, es ist gerade auch das Brennen, das die Pflanze so heilsam macht. Bei Berührung injizieren die feinen Brennhärchen das so genannte Nesselgift in die Haut. Das löst äußerlich eine allergieähnliche Reaktion aus, Quaddeln entstehen und die Haut rötet sich. Doch im Körper geschieht noch mehr: Die Stoffe Acetylcholin und Serotonin regen die Durchblutung in den Gefäßen und Muskeln an, wirken gegen Entzündungen und Schmerzen – eine Wohltat für viele Menschen, die an Rheuma oder anderen Gelenkerkrankungen leiden. Beim Nesselpeitschen werden schmerzende Körperregionen mit einem Büschel Brennnesselkraut abgerieben. Klingt wenig verlockend – aber wirkt Wunder!

Brennnessel-Bad für die Durchblutung

Sammle schon morgens einen großen Eimer Brennnesselblätter. Gebe den Inhalt in die Badewanne und fülle so viel Wasser auf, dass die Blätter bedeckt sind. Am Abend lässt du dir auf dieser Grundlage ein warmes Bad ein. Fördert die Durchblutung und wirkt lindernd bei Neurodermitis und anderen Hautbeschwerden.

Kräftigende Spülung für Haut und Haar

Auch das kann Brennnessel: die Haarwurzeln stärken und die Kopfhaut beruhigen. So einfach bereitest du eine Haarspülung zu.
● Übergieße eine Handvoll Brennnesselblätter mit einem halben Liter kochenden Wasser.
● 15 Minuten ziehen lassen.
● Abgießen und zwei Esslöffel Apfelessig hinzufügen.
● Nach dem Haare waschen auftragen. Muss nicht ausgespült werden.

Drei heiße Küchentipps mit Brennnessel

Brennnesselblätter haben einen spinatähnlichen Geschmack. Was liegt also näher, als sie ebenso wie Spinat zuzubereiten? Eine gewürfelte Zwiebel in Öl andünsten, Brennnessel-Blätter hinzugeben, mit Salz und Pfeffer würzen. Superlecker, und du brauchst dafür nicht mal einkaufen zu gehen.

Brennnessel-Bratlinge

Aus dem so zubereiteten Spinat kannst du leckere Bratlinge zubereiten:

  • Zusammen mit einer feingewürfelten Zwiebel, einer geraspelten Möhre, etwas Sesam und einem Ei in einer Schüssel zu einer Masse verrühren.
  • So viel Semmelbrösel dazugeben, bis die Masse nur noch leicht klebt.
  • Flache Bratlinge formen und mit Öl in der Pfanne goldbraun braten.

Tipp: Du kannst das Rezept verfeinern, indem du zusätzlich einen Teil gekochte Hirse hinzufügst.

Vital-Smoothie

Logisch, dass die Brennnessel als Vitamin-Kick auch in einen selbstgemachten Smoothie gehört!

Brennnessel im Salat

Ein paar frische Brennnesselblättchen machen sich super in jedem Salat – wenn du die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen triffst. Interessant ist auch ein Salat aus blanchierten Brennnesselblättern, Bärlauch, Walnüssen, Avocado, Feta und einem Joghurt-Dressing on top.

Wir wären nicht die Beetfreunde…

…wenn wir nicht auch noch ein paar Gartentipps für dich dabei hätten. Hobbygärtner schätzen Brennnessel-Jauche als ist das ultimative Stärkungsmittel fürs Selbstangebautes. Hier erklären wir nochmal, wie’s funktioniert:

  • Einen großen Kübel mit Brennnesselkraut füllen.
  • Mit Wasser aufgießen, bis das Kraut bedeckt ist.
  • Mit einem Holzbrett oder Ähnlichem abdecken.
  • Etwa zwei Wochen lang stehen lassen, bis die Brühe richtig stinkt und sich keine Bläschen mehr bilden. Dabei einmal täglich umrühren.
  • Im Verhältnis 1:10 mit Wasser verdünnt auf deine Pflanzen geben.

Tipp: Wenn Du von Beginn an etwas Urgesteinsmehl hinzugibst, mindert das die Geruchsintensität.

Gegen Milben und Läuse hilft auch eine Brennnesselbrühe, die du auf Blätter und Stängel aufsprühst.

Delikatesse für Schmetterlinge

Die Raupen zahlreicher Schmetterlingsarten ernähren sich hauptsächlich von Brennnesselgrün, darunter der Admiral, der Kleine Fuchs und das Tagpfauenauge. Hast du also Brennnesseln in deinem Garten, freu‘ dich drüber – so leistest du einen Beitrag zum Artenschutz. Und nicht nur das: Wächst Brennnessel zwischen Kräutern wie Dill, Petersilie oder Pfefferminze, entwickeln diese ein stärkeres Aroma. Nicht zuletzt heißt es, dass selbst Obstbäume reicher tragen, wenn Brennnesseln in ihrem Schatten wachsen.

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